Vermutungen über Judith von Loe:

 

Das bisher vermutete Datum ihres Todes ist nicht 1720 oder 1721, sondern der 3.8.1723.

 Das heißt:

Judith als „Einsiedler“ in der Eifel ist entweder erfunden und/oder das (angeblich) gefundene Wappen auf einem Medaillon (mit einer Crampe, dazu noch eine Haarlocke) bezieht sich auf einen anderen Zweig der Familie. Dies widerspricht im Übrigen auch dem Grab bzw. dem gefundenen Grabstein Judiths an einer evangelischen Kapelle in Wischlingen / Westhusen,  in der Nähe von Dortmund.

Eine Legende ist also das Leben bzw. der Tod als Einsiedler in der Eifel...

Die Quelle dazu ist ein sog. Rheinischer Antiquarius, eine Sammlung von "merkwürdigen Geschichten" , die sich auf "den Rhein und die dort lebenden Orte und Adelsgeschlechter" beziehen, der (Neu-) Herausgeber war Johann C. Stramberg Mitte des 19.Jahrhunderts, alles ohne Quellenangaben.

(vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Christian_von_Stramberg. Weiteres unten...).

Strambergs Werk ist/soll eine Neuedition sein von

"Dielhelm, Johann Hermann: Denkwürdiger und nützlicher Rheinischer Antiquarius, ..die Wichtigsten und angenehmsten geograph-, histor- und politischen Merckwürdigkeiten des gantzen Rhein-Strohms, von einem eifrigen Nachforscher In Historischen Dingen, Frankfurt am Mayn,1744.

(http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/content/titleinfo. Siehe auch: wiki-de.genealogy.net/Rheinische_Antiquarius, zu finden bzw. digitalisiert von/durch google books.)

 Dieser JH. Dielhelm schreibt allerdings nichts über Judith von Loe, sondern beschreibt streng geografisch von Süd nach Nord den Rheinstrom bzw. die Historie der angrenzenden Städte, angefangen bei den Römern (z.B. Bonn und Köln u.a.) bis zu Ereignissen des 30jährigen Krieges und folgenden Auseinandersetzungen.(Jedenfalls habe ich in den Digitalisierungen nichts über Judith v. Loe gefunden.)

 

Noch ein Wort zu der Entstehung Sage von der Wilden Hummel

Wörtlich kommt diese Formulierung und diese heutige (aktuell wieder veröffentlichte) Sage in der schon mal erwähnten Edition des Antiquarius (hier 1863) vor. Der Verfasser Johann Christian v. Stramberg zitiert einen Erzähler, der sich als Verwandter der Krane-Familie ausgibt. Diese Familie war (durch Heirat mit Maria von Wiedenbrück) Nachfolgerin der Familie Wiedenbrück auf Haus Loe.

Er habe die Geschichte von seiner Großmutter,  die wiederum von ihrem Urgroßvater, der sich auf „aus dem Schloß Loe vertriebene Weiber“ während der Besetzung des Hauses beruft…Die angegebene historische Einordnung, z.B. „kurz nach 1648“ u.a. passen überhaupt nicht zu diesen angeblichen Ereignissen.

Die ursprüngliche Edition des „Antiquarius“ (1744) erwähnt sie im Übrigen nicht mit einem Wort.

 

Der (angebliche) Mord an ihrem Vater 1668 ist aus mehreren Gründen falsch:

Das Opfer  war nicht der Vater von Judith. Dieser starb bereits 1664, war also 1668 schon tot.

(Vgl. u.a. Wiki. „Haus Loe“, B.Stratmann)

Ihre Mutter Ida war 1664 bereits Witwe. Sie lebte bis 1684 in Marl und verliert kein Wort über den Verlust von Mann und Tochter?

 

Der Großvater von Judith, Johann, (kaiserlicher Obrist/Rittmeister, +1632 Schlacht bei Lützen), hatte einen Bruder Diderich (von Loe –Dorneburg), der in Begleitung eines Knechtes auf dem Weg von Dorsten nach Marl in der Marler Heide dem Anschlag eines Unbekannten zum Opfer fiel.

 

1668 war Judith 16 bis 18 Jahre alt, einer 16 Jährigen kann man wohl nicht unbedingt einen siegreichen Kampf zu Pferde mit ihrem Großonkel zutrauen: Immer wieder vermutet und genannt wird deshalb ein schwedischer Offizier, der ein Verhältnis mit Judith gehabt haben soll. Auch dies ist unwahrscheinlich:

 

Es gab 20 Jahre nach dem Ende des 30jährigen Krieges keine schwedischen Offiziere mehr im Vest RE, die letzten Schweden waren als Besatzungsmacht im Vest nach Zahlung von

10 000 Talern als Entschädigung bereits 1650 abgezogen, also ungefähr zur Zeit der Geburt von Judith.

 

Wie, wo und warum soll sie 16 bis 18 Jahre später einen schwedischen Offizier kennen gelernt haben, der dazu nirgendwo in den überlieferten Quellen vorkommt? (Auch den Knecht konnte ich (bisher) nirgendwo anders erwähnt finden).

 

Hätte beim Verfahren vor dem Reichskammergericht (bis) 1715 nicht jemand auf den Mord an ihrem Vater (wie gesagt, es war nicht ihr Vater) hingewiesen, vor allem, wo es doch um ihren Erbschaftsanteil ging? Hätte sie dann überhaupt Recht bekommen?

Übrigens sieht der Titel der Akte anders aus: (Akte des Reichskammergerichts): 

Permalink der Verzeichnungseinheit:
Joh. Heinr. v. Wiedenbrück, Dechant an St. Ludgeri, Münster, für die minderjähr. Kinder seines Bruders Christoph Paul v. Wiedenbrück (+ 1698) (
??? KM) und der Wilhelmine v. Loe, Bekl. gegen Joh. Ludw. v. Koppenstein, Mandel bei Kreuznach, Kl.
Streit um den Nachlaß des Joh. Dietr. v. Loe (+ 1705), insbes. um das Haus Loe im Vest Recklinghausen und die dortige Loe-Mühle.
1. Ger. Recklinghausen 1706.
2. Hofrat Bonn 1707.
3. RKG 1715
(Altsignatur : 3137, Aktenzeichen : 6133, B 2289):

Abgesehen von dem Todesdatum (?) 1698 von Christoph Paul zu Wiedenbrück scheint auch der Name Johann Dietrich von Loe ungewöhnlich zu sein, das Datum scheint aber zu stimmen. Eine Akte des RKG wird aber wohl stimmen, d.h. dieser Wiedenbrück hatte die Schwester Judiths viel früher geheiratet als 1698. 

Die Klägerin ist nicht (nur?) Judith v. Loe sondern der Mann von Ida, einer Schwester Judiths,  nämlich Johann Ludwig von Koppenstein. Der Prozess dauerte von 1706 (Recklinghausen, dann Bonn 1707) bis 1715 RKG Wetzlar (s.o.).

Jahre vorher, seit 1696 bis 1702, findet ein ähnlicher Prozess innerhalb der Familie statt:

Maria, ebenfalls eine Schwester der Judith, gegen den Bruder Dietrich Johann. In beiden Fällen wird Judith nicht erwähnt.

 

Dietr. Joh. v. Loe zu Loe im Vest Recklinghausen, Bekl. gegen Maria v. Loe, Wwe. v. Gröben, Berlin, Kl.
Zahlung von 1500 T. nebst Zinsen als Brautschatz aus dem Nachlaß der + Mathilde v. Loe.
1. Richter zu Recklinghausen 1696.
2. Offizial Köln 1699.
3. RKG 1702 (
Altsignatur : 2473 Aktenzeichen : 3288)

(Bei der Suche im Findbuch F 001, Reichskammergericht - Akten nach Loe wurden folgende Suchergebnisse gefunden: 52, http://www.archive.nrw.de/LAV_NRW/jsp/suchergebnisController.jsp seitefind=1& suchbegriff= Loe&verknuepfung =0&treffer=50&id=1&find=21060&cmsid=1)

 

Am 29.3.1671 ist Judith in Wesel bei einem Abendmahl der reformierten also evangelischen Willibrordi-Gemeinde in Wesel registriert worden. Sie wird wohl nicht für einen Tag nach Wesel gereist sein, um am Abendmahl teilzunehmen? Möglicherweise hat sie in dem Haus des klevischen Erbhofmeisters von Wylich gewohnt. Dessen Familie war zudem auch noch verwandt/verschwägert mit der Loe-Familie…

 

Für falsch halte ich die Besetzung von Haus Loe durch Judith 1705 nach der Inbesitznahme des Schlosses durch Wiedenbrück 1705 und dem Tod des Bruders (Theodor?) Diederich Joseph Clemens von Loe, ebenfalls 1705 (dieser war Probst ohne Präsenzpflicht in Gran/Ungarn, d.h. er war nie dort, war aber 1683 Pfarrer in Marl). 

Dieser war „Herr von Loe“, zumindest 1696:

1696 Vertrag zwischen Mauritz Frhr. von Brempt und Diedrich Joseph Clemens von Loe, Herrn zum Loe, welch letzterer noch 2.000 Rthlr. wegen seiner Grossmutter Maria von Brempt zu fordern hatte.

(wiki-de.genealogy.net/Brempt_zu_Veen)

Maria von Brempt war die Frau des Johann von Loe, dem Großvater u.a. Judiths.

 

Christoph Paul von Wiedenbrück hatte angeblich Judiths Schwester Wilmina 1698 (?) geheiratet. (Aber siehe oben die Akte des RKG! vgl. auch unten Küper, Pfarre Marl).

Judith hatte 1705 das Recht als „Herrin von und zum Loe“ einen Vikar, Werner Marseill, für die Johannes-Vikarie vorzuschlagen.

Ebenfalls 1705 ließ sie sich als Patin bei einem Heinrich Wehling von einer Anna Judith Spangemaker vertreten (so bei F. Küper, Pfarre Marl, S.61/62).

 

Sie war zu dieser Zeit nicht in Marl, sondern in Borken bei einer Frau von Schürmann. Warum sollte sie (als Herrin) dann noch das Haus besetzen? Einen Grund hätte sie schon deswegen nicht gehabt, weil ihr Bruder ja noch bis 1705 der Herr des Hauses war. Kurz nach dessen Tod beginnt der oben erwähnte Erbschaftsprozess gegen Wiedenbrück...

 

Der erwähnte neue Herr auf Loe, also Wiedenbrück, rühmte sich später dem Erzbischof und Kurfürsten Köln gegenüber, das Haus Loe von „Akatholischen“, (gemeint sind Evangelische, also die Vorgängerfamilie Loe auf dem Schloss), gesäubert zu haben, dabei war die Rede von protestantischen Gottesdiensten auf dem Schloss sowie einer Zahlung von 17 000 Gulden. Dafür bekam er vom Papst die (Kirchenrecht, deswegen „die“) Dispens 1730. Diese bezog sich auf die Marien-und die Johannesvikarie für seinen 10jährigen Sohn, bei dessen Taufe 1720 Judith als Patin anwesend war. Allerdings erwähnt er hierbei mit keinem Wort eine Besetzung des Hauses durch die evangelische Judith, die ja das Haus besetzt haben soll.

(siehe u.a. unten: F. Küper, Pfarre Marl, S.63/64, auch zitiert bei Madynski, Chronik Marl).

Auch Küper erwähnt übrigens bereits den frühen Tod des ersten Wiedenbrück, Christoph Paul, genauso wie die Regentschaft des Bruders  von Judith bis 1705, und direkt nach seinem Tod beginnt ja das Gerichtsverfahren. in späteren Veröffentlichungen kaum erwähnt wird auch dass die Eltern von Judith ebenfalls evangelisch waren, wie auch der Mann von Ida (v. Koppenstein), der anscheinend den Prozess im Namen seiner Frau anstrengte...

(Bisher bekannte Daten zu Judith: 1650/52, (1668 unsicher), 1671, 1705, 1715, 1720, 1723.)