Marl 1945

Das Kriegsende in Marl Ostern 1945

(Zusammengestellt von K.Mohr)


Am 24.3.1945 wird der Rhein zwische Rees und Wesel von den alliierten Truppen (USA, Kanada und Großbritannien) überquert. 

Karte oben:: https://history.army.mil/brochures/centeur/p04-05(map).jpg

Karte aus: Das AV Buch, S.124/125. Luftangriff und Bombentreffer, Hüls und AV 17.3.1945


                                                                                                                                      Bilder aus:

Sammelband, Teil 1:

Trees, Whiting,Omansen,

Drei Jahre nach Null: Die britische Besatzungszone 1945-1948,

(Droste, Düsseldorf 1978, 1979, 1980)

Bild 216: S.138, Bild 136: S.81,

die Zeittafel unten auf S.217


 Marl Ostern 1945

28.3.45, Mittwoch: Im Marler Nord-Westen, aus Richtung Dorsten /Polsum kommt es zu Kämpfen zwischen deutschen Truppen und einer amerikanischen Panzerdivision.

 

Am Donnerstag, 29.3., wurde auf Befehl der NS-Parteileitung der „Volkssturm“ in Brassert auf dem Marktplatz einberufen. Er bestand vorwiegend aus Brasserter Bergmännern, die Zeche hatte die Produktion praktisch eingestellt. Die Zeche sollte auf Befehl des Gauleiters (Meyer) gesprengt werden. Dies wurde durch eine vorgetäuschte Sprengung mit „Sicherheitssprengstoff“ verhindert. Die NS-Prüfungskommission flüchtete, weil die US-Army sich näherte. Denn…:

 

Am Karfreitag, 30.3., hatte diese Division Polsum unter Kontrolle gebracht und marschierte, nach heftigem Artilleriebeschuss auf Brassert, am Karsamstag, 31.3. in Marler Stadtgebiet Alt-Marl ein…

 

Ebenfalls am Karfreitag und Karsamstag rückten Kanadier über die Lippe Richtung CWH vor.

 

Auch hier sollte ein SS-Kommando das Chemie-Werk sprengen, was verhindert werden konnte (29.3.), weil die NS-Kreisleitung per Telefon überzeugt werden konnte, das Werk sei sowieso nicht mehr betriebsbereit.

 

Das Gleiche geschah in Hüls bei der Zeche Auguste Victoria. Am 17.3. war es in Hüls bei einem Luftangriff zu großen Schäden an den Schachtanlagen und den angrenzenden Häusern gekommen, viele Menschen waren ums Leben gekommen. Das SS-Kommando (bzw. die NS-Gauleitung) verzichtete auf die Schachtzerstörung und die SS sprengte stattdessen sämtliche Brücken über den Kanal sowie die Brücken über die Bäche und zerstörte die Oberleitungen der Straßenbahnen.

 

Am Ostersonntag, 1.4.45, war ganz Marl von Amerikanern und Kanadiern besetzt.

 

Bei diesen Kämpfen kamen noch ungefähr 100 deutsche Soldaten ums Leben, insgesamt wurden bis Juli 1946 in/aus Marl 1100 gefallene Soldaten gezählt, bei den letzten Kampfhandlungen 86 Gefallene.

 

 An zivilen Opfern, sogenannte „Kriegssterbefälle“, gab es (ungefähr) 500.

In der Auflistung der Todesursachen im Amt Marl  nach allen Altersgruppen im Jahr 1946 ist eine Häufung der "Kriegssterbefälle" bei den Männern  erkennbar:

Altersgruppen 15-20: 73, 20-30: 109, 30-40: 108, das sind 290 von den insgesamt 570 Gestorbenen.

 

Allein bei den CWH befreiten die Amerikaner über 2000 kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter, diese waren dort bereits am 26.3., also vor dem Einmarsch „entlassen“ worden, waren aber anscheinend nicht schnell genug fort gebracht worden.

 

Auf (allen) Marler Friedhöfen liegen von diesen Menschen über 500 Opfer, davon (mindestens) 22 Kinder…

 

Spätestens Juli/August gab es in Marl keine „Fremdarbeiter“ mehr…Die Lager wurden jetzt von Deutschen „bewohnt“, zunächst Kriegsgefangene, später Wohnungslose und Flüchtlinge, Arbeiter im Bergbau und bei den CWH.

 

Von 4400 zivilen Wohngebäuden wurden 338 total und 290 schwer zerstört (ca.14%) sowie 1772 leicht beschädigt.

 

57 Bauernhöfe waren total zerstört.

 

Zu 7,3% waren die Anlagen der CWH zerstört, die Schachtanlage 1/2 der AV zu 30%.

 

Am 1.4.45 ernannten die Amerikaner den Vater von S. Johanna, Paul Eichmann, zum (zunächst „Ober“-)Bürgermeister, dann am 23.4. zum Amts-und Stadtbürgermeister.

 

Seit 4.4.45 internierten die Amerikaner in RE-Hillerheide im Camp 4 (auch: Lager 91) auch aus der Umgebung, also Marl, Nazi-Funktionäre und Industrielle: zunächst ca. 4 000 Männer und Frauen, im November 1945 waren hier fast 9.000 interniert.

 

Am 9.5. 45,  um 00.01 Uhr war der Krieg in Europa beendet. Am 1.6.45 lösten englische Soldaten die Amerikaner in Marl ab.

 

Die Zeche Brassert hatte bereits am 9.4. den Betrieb wieder aufgenommen.

 

Am 18.7.45 fuhr die Straßenbahn „Linie 6“ wieder vom Rathaus Marl nach RE, am 27.2. 46 wieder bis zu den CWH.

 

Innerhalb Marls fuhr als erste Bahn die Linie 12 am 19.8.45 von Polsum bis Riegestraße, am 25.9. bis Rathaus, ab 15.5.46 bis „Stadtschänke Hüls“.

 

Nach Brassert fuhr die Linie 21 vom Rathaus aus ebenfalls am 15.5.46.

 

Am 1.2.46 fuhr die Linie 14 vom Bahnhof Sinsen zu den CWH.

 

Um den Zugverkehr von Sinsen nach Haltern wieder zu ermöglichen, wurde 1945 ein Damm durch den Kanal gebaut und eine Behelfsbrücke über die Lippe errichtet. 1946 gab es dann auch eine Brücke über den Kanal.

 

Vor der Entnazifizierung gab es nur die Internierung und „Entlassung oder Belassung“ im Dienst. Am 30.11.1945 veröffentlichte das Bekanntmachungsblatt die Namen von 19 entlassenen Personen im Dienst der Stadt Marl. Es blieb die einzige Veröffentlichung. Entnazifizierungsausschüsse wurden ab Anfang 1946 gebildet in Städten, Kreisen etc. sowie bei bestimmten Gruppen, wie z.B. Polizei, Bergbau, Chemie, Studenten, Kirchen etc.

 

Am 11.5.1951 wurde mit dem Grundgesetzartikel 131 die Entnazifizierung abgeschlossen. Die Städte mussten 20% der Entlassenen wiedereinstellen. In Marl bedeutete das 20 beim Amt und 12 bei der Stadt. Bereits vorher waren von 90 bis 31.12.45 Entlassenen mindestens „etwa 30“ wiedereingestellt worden….

 

Den berüchtigten Fragebogen mussten übrigens nur Menschen ausfüllen, die arbeiteten oder sich um eine Stelle bewarben….

 

Am 19.10.45 wurden ein Teil der Marler Straßennamen geändert, die Adolf-Hitler-Straße hieß jetzt wieder Bergstraße, die Hans-Schemm-Straße  Kampstraße. Am 15.8.1947 folgte eine weitere Umbenennung, z.B. die Hubert-Brinkforth-Straße in Hochstraße.

 

Auch 10 Marler Schulen bekamen neue Namen, veröffentlicht am 14.8.45.

Die Bonifatiusschule hieß vorher z.B. Lettow-Vorbeck-Schule.

 

 

Ab 15.Juni 1945 (Polsum)wurden Ortsvereine der SPD (wieder-)gegründet, am 16.6.

Marl Stadt und am 7.7.45 Drewer und Hüls. Ein Stadtverband SPD

entstand im Februar 1946 mit Rudolf Heiland als Vorsitzendem.

 

Im Juli `45 wurde auch die KPD wiedergegründet. Sie hatte (zunächst) in den Betrieben

und Gewerkschaften vor allem bei den Bergarbeitern großen Einfluss.

 

Eine „Christlich-Demokratische Partei“ (CDP) Marl wurde am 23.9.45 gegründet,

diese wurde am 16.11.45 auf einer Landesparteiversammlung in „CDU“

umbenannt.

Eine „Demokratisierung“ der Verwaltung gab es mit Einrichtung (unter Kontrolle der Militärregierung) von Beiräten ab Juli 1945, ab 18.September als „Repräsentativräte“

offiziell.

Als Vorstufe zu einem gewählten Beirat wurde Ende März 1946

ein Beirat nach dem Ergebnis der letzten Wahlen der Weimarer Republik gebildet.

 

Am 25.4.46 wählte dieser Beirat Rudi Heiland zum Stadtbürgermeister.

 

Nach der offiziellen Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen am 23.8.46 gab es

dann am 15.9.46 die erste Kommunalwahl.

 

Bei der ersten Sitzung von Amts-und Stadtvertretung am 27.9.1946 wurden Rudi Heiland als Stadtbürgermeister bestätigt, Amtsbürgermeister wurde Willy Baum, beide SPD. Der britische Kreiskommandant Major Gadd war dabei anwesend.

 

Ehemalige NS-Funktionäre und NS-Mitglieder vor 1933 waren von der Wahl ausgeschlossen. Dies betraf auch Gestapo, SD, HJ-Gefolgschaftsführer etc.

 

(Quellen: Bekanntmachungsblätter der Militärregierung 1945 ff.; Verwaltungsberichte I 1945-1952 (hgg.:1954); Brack/Mohr „Neubeginn und Wiederaufbau“, 2012; S. 12 ff. u. 35 ff.)

 

Ein Wort zur Einordnung dieser Berichte der Verwaltung (1954):

Bei der Erwähnung des oben genannten Artikels 131 wird in den dem VB (S.142) mit keinem Wort auf die Nazi-Vergangenheit der Wiedereinstellungen eingegangen. Der in den VB (S.141) erwähnte Peter Weiler, bis 22.1.1946 Amtsoberinspektor und Verwaltungsdirektor z.B. war 1937 Amtsinspektor und wurde 1951 erneut Verwaltungsdirektor und Leiter des Hauptamtes. Ebenfalls immer noch oder wieder im Dienst waren 18 von 37 Amtsleitern: u.a. die Leiter des Personalamtes, des Schulamtes, der Amtskasse, des Rechnungsprüfungsamtes, des Ordnungsamtes. Auch Standesamt, Wohnungsamt, Hochbauamt, Beschaffungsamt, Gewerbeamt, Bauaufsichtsamt waren so (wieder) besetzt...

Dazu muss man nur die beiden Adressbücher 1937 und 1957 vergleichen.

Widersprüchlich beziehungsweise mindestens unklar oder gar falsch sind auch die Aussagen zu den "Zeitumständen":

Beispiele:

S.48: "...nach dem Einmarsch ... nahm die Kriminalität schlagartig zu..", verursacht durch die Fremdarbeiter und die alliierten Truppen. Gleichzeitig aber: "...Zahlen über die Kriminalität von 1.5. bis 31.12. 45 liegen nicht vor...".

Bis zum Einmarsch der Amerikanischen Truppen gab es in Marl also keine Kriminalität...

Zahlen gibt es erst 1946, da waren die "Fremdarbeiter" allerdings schon weg, also müssen die ca. 1000 (schweren) Eigentumsdelikte in Hüls und 1517 Delikte in Marl ja wohl von Deutschen begangen worden sein. Dass es keine "Fremdarbeiter" gewesen sein konnten, wird (natürlich) nicht gesagt.

Noch eine seltsame Statistik:

Auf S. 13 der VB werden die Konfessionen 1948, 1950 und 1952 angeführt:

Für die Stadt Marl werden für den 10.10.48 tatsächlich 7 Israeliten genannt, für den 24.10.50 werden 12 genannt und für den 20.9.52 ist die Zahl: 1. (Der Ausdruck "Juden" wird vermieden, ist aber natürlich gemeint).

Dieser eine kann nur Rolf Abrahamsohn gewesen sein, der 1949 nach Marl zurückgekommen war. Wer die anderen gewesen sein könnten, ist mir nicht erklärlich.

Sollte das heißen, 12 nach 1938 vertriebene, ausgewiesene oder geflüchtete (und überlebende) Juden waren nach Marl zurückgekommen? Und wo sind sie 1952 geblieben?

Aber zur Erinnerung: Leiter des Hauptamtes, Ordnungsamtes, Standesamtes etc. waren Männer, die bereits 1937 "in Dienst" waren.

 


Zeittafel

(Q: s.o.: Stunde Null, S.217)


Unten: Horst Pfeiffer war Stadtarchivar in Marl. Der Text ist kurz nach 1975 entstanden.

Siehe auch im Menue weiter oben: Brassert


Kriegsende 1945 in Marl (H.Struck)

Aufzeichnungen von Heinrich Struck, eigene Tagebuchaufzeichnungen, später ergänzt durch nachträgliches Wissen. (Weder im Adressbuch 1937 noch 1957 ist ein1945 10jähriger Heinrich Struck zu finden, allerdings 1937 ein Theodor, Amtssekretär, 1957 Amtsoberinspektor…KM)

29.03.1945
Gründonnerstag

Morgens um ca. 9.30 bis 10.00 Uhr wird eine bespannte Kolonne der 180. Infanterie Division der Wehrmacht auf der Hervester Straße von US-Jagdbombern angegriffen. Es gibt Verluste unter den Soldaten und den Zugpferden der Einheit. Im Raum Buer-Hassel-Polsum schwere Kämpfe zwischen den Spitzen der 79. US-Infanterie Division, der 8. US-Panzer Division sowie Teilen der 116. Panzer Division (Windhund Division) und von schwachen SS-Einheiten (Versprengte).

Um ca. 14.00 bis 14.30 Uhr im Norden von Marl schwere Detonationen. Wie sich später herausstellte, wurden die Brücken über den Lippe-Seiten-Kanal und auch die Lippebrücke im Dorf Hervest von der Wehrmacht gesprengt.

Am Nachmittag um ca. 15 Uhr treffe ich am Haus des Viehhändlers Heinrich Kortmann eine Kampfgruppe der 116. PD. Etwa 15 bis 20 Männer mit einem Sturmgeschütz, einem SPW und zwei VW-Kübelwagen, einer davon war der Schwimmkübel.

 

Am späten Nachmittag um ca. 17 Uhr wird das Volkssturm-Bataillon „Widukind“ auf dem Hof der Berufsschule in Alt-Marl, Wilhelm-Gustloff-Straße, verabschiedet und marschiert mit drei Kompanien zum Einsatz ab. Chef des Bataillons ist der Ritterkreuzträger Wilhelm Haxter aus Marl-Sinsen. Kompanieführer unter anderem auch der Rektor der Overbergschule Anton Spangemacher. Einer seiner Männer der 1. Kompanie war der allseits bekannte Bergmann und Schwimmmeister Max Jasinski aus Brassert.

30.03.1945
Karfreitag

Um ca. 11.00 bis 11.30 Uhr US-Jagdbomber-Angriff auf Alt-Marl. Im Ortskern des Dorfes brennen ein halbes Dutzend Häuser ab. Schmiede Clemens Haumann, das Haus Erwig (Reichen-Erwig), Bäckerei Schnitzler (Buss), das Haus Schäfer (Schuster Heini Schäfer), Sattlerei Bernhard Wüller, Bäckerei Wüller und diverse Nebengebäude. Keine Verluste unter der Bevölkerung. Feuerwehr nicht mehr im Ort, schon seit einigen Tagen nach Osten verlegt. In der Brennerei Prost wird geplündert, sowohl von Soldaten der Wehrmacht wie von Zivilpersonen. Der Verwalter der Brennerei hat sich ins Emsland abgesetzt Ober (Orts-)bauernführer und Mitglied der schwarzen SS Arthur Prost.

31.03.1945
Karsamstag

Morgens um 6.00 Uhr mit Amerikanern, zwei Offizieren mit Fahrer in einem Jeep, gesprochen, die mich gebeten haben, den Bunkerwart im Hochbunker gegenüber dem Feuerwehrhaus zu warnen. Herr Althoff, der Bunkerwart, wurde informiert, dass die Amerikaner aus Sicherheitsgründen Alt-Marl mit Artillerie beschießen. Es sollte niemand den Hochbunker verlassen [Struck: Sie gaben mir eine Tafel Schokolade als „Belohnung“ und ein Päckchen Zigaretten für den Bunkerwart, damit der überzeugt war, dass die Warnung tatsächlich von den Amerikanern kam. Die Zigaretten habe ich dennoch behalten, davon haben wir dann durch Tausch in den nächsten Tagen gelebt]. Um ca. 7.10 bis etwa 7.40 Uhr schoss die Army Trommelfeuer, teilweise mit Brandmunition.

Es gibt hohe Gebäudeschäden, insbesondere auf der Riegestraße in Höhe des heutigen Betriebshofes der Stadt Marl. Zudem auch noch Verluste unter der Zivilbevölkerung (unter anderem der Tierarzt Dr. Seifert, Breitestraße).

Etwa um 8.00 Uhr fühlt US-Infanterie mit Panzerunterstützung bis etwa Höhe Lindenhof bzw. bis zur Straßenbrücke über den Mühlenbach vor. Einige Wagen drehen vor Alt-Marl links in die Riegestraße ab und versuchen über den Feldweg im Hembrauk ins Dorf zu kommen. Da die Brücke über den Bach gesprengt ist, fahren sich zwei oder drei Sherman-Panzer im Sumpfgebiet vor dem Bach fest. Die Besatzungen steigen aus und schließen sich der Infanterie am Lindenhof an. Nachdem die Straßenbrücke geprüft wurde, rollen die ersten Kampfwagen mit aufgesessener Infanterie ins Dorf.

 

Am Nachmittag des Karsamstags Feuerüberfall der deutschen Artillerie von Osten her (Raum Recklinghausen). Es gibt erneut Verluste unter der Zivilbevölkerung (unter anderem Herr Vortmann von der Dorstener Straße, er ist sofort tot). Verletzte werden von den US-Truppen zum Hof Dorlöchter [?] an der Straße von Marl nach Altendorf gebracht. Bis Mitte April 1945 war dort ein US-Feldlazarett. Alle Zivilpersonen wurden dort auch behandelt und versorgt.

01.04.1945
Ostersonntag

Wir glauben, dass der Krieg für uns vorbei ist. Die Lage hat sich beruhigt. Einzelne Plünderungen durch freigelassene Ostarbeiter im Dorf. Amerikaner schreiten teilweise ein und verhindern größere Ausschreitungen. Stadtkommandant wird eingesetzt. Der Bürgermeister Dr. Willeke übergibt das Rathaus an die US-Armee. Der Stadtkommandant, ein Captain, ist Deutsch-Amerikaner. Paul Eichmann wird von ihm als Oberbürgermeister eingesetzt. In der Georgskirche um 11.00 Uhr eine Hl. Messe. Alle Fenstergläser sind zerstört. Auf dem Kirchhof liegt noch ein Toter (Leiche ist geschrumpft durch Verbrennen). US-Armee richtet an der Dorstener Straße, zwischen den Häusern Döweling und der Gärtnerei Börmann einen Feldflughafen ein, der für die Heeresflieger genutzt wird (Artilleriebeobachter). Der Platz wurde bis etwa 6. bzw. 8. April 1945 genutzt. In den städtischen Häusern Schillerstraße 29-51 waren vom ersten Ostertag bis zum 4. April 1945 ein Bataillon der 8. US-PD einquartiert. Die Fahrzeuge standen zwischen den Häusern bzw. in den Gärten, mit Front zur Straße. Über Alt-Marl verteilt gab es weitere Beschlagnahmen von Wohnraum, die jedoch meistens nach den Ostertagen rückgängig gemacht wurden. US-Truppen marschierten weiter nach Osten.

 

N.B.: Am 7. März 1945 stand die 1. US-Armee noch linksrheinisch vor Remagen, in diesem Verband auch die 8. US-Panzer-Division und die 79. US-Infanterie-Division. Beide Truppenteile der US-Armee waren die Gegner der deutschen 180. Und 190. Infanterie-Division und der 116. Panzer-Division im Großraum südlich der Lippe. Dazu gehörten insbesondere die Stadt und Orte wie Dinslaken, Kirchhellen, Dorsten, Gladbeck, Buer-Hassel, Polsum, Marl und Kirchhellen. Am 29.März lag der Rgt.Gef.St. des Panzerregiments 156 der 116. Panzer-Division im Haus Drees am Rammesbrauck in der Bauernschaft Kotten.


Verwaltungsberichte I (Stadt und Amt Marl1954), S.48


unten: Notwohnungen an der Bonifatiusstraße


Aus: Bekanntmachungen für den Stadt- und Landkreis Recklinghausen 1945-1948

(unter Aufsicht der Militärregierung)

Unten: 4.8.45: Erste Sitzung des Bauausschusses der Stadt Marl am 24.7.45 zu den Zerstörungen in Marl.

CWH: 7.3%, AV 1/2: 30%, Amtsgebiet (Privathäuser Marl): ca. 15%

 


BEK. Blatt 30.11.45

Entlassungen Kreisverwaltung und Marl (Entnazifizierung)


19.10.45

unten: zur Bedeutung der Nazi-Namen der Straßen,(K. Mohr,1992, unveröffentlicht):

Nachtrag zu Kottewitzstraße:

Leo Kottewitz, geb. 12.01.1913 in Adlig-Schönau/Westpreußen, SA, -Mann; Bergmann, 01.11.1931 Eintritt in die NSDAP (Mitgliedsnummer 747.913), Mitglied der Motor SA, dem Antrag der Eltern (SA-Mann Johann und Antonie Kottewitz) bei der NSDAP-Hilfskasse zufolge "in Ausübung seines Dienstes als Motor-SA-Mann von einem Motorradappell kommend auf der Wegestrecke von Recklinghausen", morgens 1 Uhr, verunglückt und bereits bei Einlieferung in das Recklinghäuser Prosper-Hospital verschieden, nach polizeilichen Angaben verunglückt ohne Fremdverschulden; 1932 [?] Ablehnung von Unterstützungsleistungen für die Eltern durch die Marler Ortsgruppenleitung bzw. die SA-Motorsturm Recklinghausen, da Kottewitz seine Beitrage für die Motorradfahrerkasse nicht regelmäßig gezahlt habe; 07.08.1935 Ablehnung der Elternrente (Gesetz über die Versorgung der Kämpfer für die nationale Erhebung/NKVG vom 27.02.1934), da keine Bedürftigkeit vorliegt, erneut am 19.11.1941.

 

(Quelle: BArch, BDC, PK G 201) (c) Internet-Portal „Westfälische Geschichte“ <http://www.westfaelische-geschichte.lwl.org>URL dieser Seite: http://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/nstopo/strnam/Begriff_613.html / Stand: 11.12.2015. Zitierweise: Marcus Weidner, Die Straßenbenennungspraxis in Westfalen und Lippe während des Nationalsozialismus. Datenbank der Straßenbenennungen 1933-1945, Münster 2013ff. <http://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/nstopo/strnam/Begriff_613.html> (Stand: 11.12.2015)

 


14.8.45


Unten: Das "Obere Militärgericht" war in Recklinghausen und verhängte auch die Todesstrafe. Datenschutz war unbekannt. Zur "Beruhigung" der Bevölkerung wurde bei manchen Tätern die Nationalität, hier: "Pole", genannt. Nicht erwähnt wurde, warum es hier überhaupt Polen gab. Allerdings wusste das sowieso jeder: Zwangsarbeiter, zivil oder militärisch, waren überall. Aber bisher waren sie ja in Lagern unter strenger Bewachung untergebracht.

Hunderte von ihnen waren gestorben an Krankheiten, unmenschlichen Arbeitsbedingungen, Totschlägen...

In der kollektiven Erinnerung etwas später (vielfach auch heute noch) waren es nur noch die befreiten Zwangsarbeiter, die 1945 geraubt und geplündert hatten...

Zu den unten zu sehenden Zeitpunkten gab es in Marl keine Zwangsarbeiter mehr.

 

22.1.1946


Apropos "Plündern": 6.10.45

13.10.45

auch 13.10.45

16.11.45

Unten:  die Amtsverwaltung Marl ist in den Jahren nach 1946 in Baracken untergebracht.

4.8.45


 Stadtplanung nach 1945


SPD-Stadtverband, Wahlillustrierte 1952, Stadtbürgermeister Rudi Heiland.

Vestischer Kalender 1940, S.68 ff.

von Dr.Friedrich Willeke, Amtsbürgermeister Marl. Ein Vergleich:


Die Stadtplanung Marl beruht auf den Plänen von "Rappaport" (Architekt und Stadtplaner) in den 20er Jahren und dem sogenannten "Marschall-Plan" (Günther) in den 50er und 60er Jahren, beide waren Stadtplaner. Vergessen wird meistens, dass es in den 1940er Jahren ebenfalls Pläne gab, zum Beispiel den von Friedrich Willeke, Amtsbürgermeister in der NS-Zeit:

"...Wir danken dem Führer, dass wir in seinem Reiche vor solche Probleme gestellt werden."

Dieser Dr.Willeke also veröffentlicht im Vestischen Kalender 1940 einen Wirtschaftsplan, der unter anderem eine "Neue Mitte" an der Adolf-Hitler-Straße (heute Bergstraße) vorsieht. (siehe ausführlich bei "Stadtwerdung"), besonders zu erwähnen ist darin:

 

"...Der neue Bahnhof Marl, das neue Rathaus, die neue Berufsschule ist in der Planung abgeschlossen und wird mit neuem Krankenhaus und dem zentralen Jugendsportgelände der HJ starke Akzente an der Adolf-Hitler-Straße in der Nähe des ehemaligen Hauses Loe setzen..."

 

Das war der Bereich Bergstraße/Hagenstraße, dort, wo heute die beiden Gymnasien,  die Berufsschule und die Rundturnhalle stehen...

 

Nachdem die Zechen seit Anfang des 20. Jahrhunderts für Zuwachs der Bevölkerung und damit verbunden neue Stadtteile, zunächst "Kolonien", gesorgt haben  - Brassert und dazu Hüls, 1926 von Recklinghausen (Land) "übernommen" -  kommt ab 1938 auch die Chemie nach Marl. Marl wird IG-Farben-Stadt...(KM).


Der Lipper Weg in den 50ern.


Die Zeitschrift "Kristall" im Jahre 1955: "Marl wird die größte Stadt Europas"


aus: Der Lichtbogen 1952, Heft 2, S.6