Ergänzungen 20.Jahrhundert bis 1933

Alt-Marl

Im Jahr 1908 kam Arthur Abrahamsohn nach Alt-Marl. Der Vater von Rolf Abrahamsohn eröffnete auf der Loestraße das „Berliner Kaufhaus“ für Schuhe und Textilien. Er war zu diesem Zeitpunkt 20 Jahre alt und kam aus Märkisch-Friedland, einer Stadt in der Nähe von Stettin und Neubrandenburg. Anscheinend kam er ohne seinen Vater Nathan (geb.1861) und seine Mutter Rosalie, denn Rolf Abrahamsohn spricht nicht von seinen Großeltern väterlicherseits.(Abrahamsohn, R., „Was machen wir, wenn der Krieg zu Ende ist“, Lebensstationen 1925-2011, S.11)

 

Wahrscheinlich muss die Ansiedlung mit der Gründung der beiden Zechen in Hüls und Brassert kurz nach 1900 gesehen werden; diese sorgte im bäuerlich und katholisch geprägten Marl für einen wirtschaftlichen Aufschwung, der letztlich 1936 zur „Stadtwerdung“ führte.

 

Das "Berliner Kaufhaus" auf der Loestraße in Alt-Marl von Arthur Abrahamsohn, (zweiter von links), vor dem 1.Weltkrieg.

Oben: Kaufhaus Abrahamsohn, Loestraße 26 im Jahre 1928.

Der kleine Junge ist Rolf A.,(*1925)


1914 wurde Arthur Abrahamsohn Frontsoldat. Er war nicht der einzige Marler, wie auf einem Foto mit 5 anderen Marlschen Jungen zu erkennen ist (Bild unten). Wie viele Marler Juden darunter waren, bleibt allerdings unklar (insgesamt mindestens 2, auch Rudolf Boldes war zu dieser Zeit schon in Hüls und er war auch Soldat und wurde verwundet).

Rolf Abrahamsohn spricht von 18 gefallenen Juden aus Marl, er meint aber wahrscheinlich den Kreis Recklinghausen, wenn man vergleicht, dass Reuter für Recklinghausen von 15 Gefallenen schreibt. Die Zahl 18 stimmt nämlich, wenn man 3 Gefallene aus Dorsten hinzu rechnet, für den Kreis Recklinghausen. Insgesamt nahmen als Soldaten ungefähr 100.000 Juden am Ersten Weltkrieg teil. 12.000 von ihnen sind für Reich und Kaiser – der sie 1907 noch ausmerzen lassen wollte – gefallen. 


  Abrahamsohn, R., Lebensstationen; Reuter, H., Die Juden im Vest, S.83; Stegemann/Eichmann, Juden in Dorsten, S.192 (namentlich aufgeführt)

 


Brassert


Brassert, Bonfatiusstraße 9, (damals: Straße der SA).

Pejsach Korn, Uhrmacher, und Familie.

Nach 1931 nach Marl gekommen, nach dem Pogrom im November 1938 nach Belgien geflohen.

(Unten: Karteikarte P.Korn, Judenregister Belgien 1940 (nach der Besetzung durch Deutschland). Siehe auch Shoah Auschwitz

Ausschnitt aus der Transportliste des 17. Transports aus Malines/Mechelen nach Ausschwitz

am 30.10.1942


Auch in Hüls gab es noch andere Geschäfte, deren Inhaber Juden waren, z.B. Alfred Simmenauer...Er kam ursprünglich aus Herten, vom dortigen Geschäft "Simmenauer", wo er als Handelsgehilfe arbeitete (siehe unten).  In den Archiven ist bisher als seine Ehefrau "Selma geb. Ottenstein" vermerkt. Diese ist aber aus Berlin, dort auch wohnhaft und von deportiert worden. Wie das zu Marl passen soll ist mir unklar. Es gibt Hinweise auf eine Ida, geb Wolff aus Saarlouis, die eher passt, denn Alfred Simmenauer ist dort ebenfalls erwähnt, danach beide in Köln und von Köln aus deportiert worden nach Maly Trostinec in der Nähe von Minsk, heute Weißrussland.


Zu Familie Simmenauer, Stand 2012.

(Aus: Klaus Mohr, "Sowas passiert in Deutschland nicht",(Studie), Essen 2012, S.138):

Simmenauer, Alfred – * 2.4.1882 in Myslowitz/Schlesien

Wohnung oder Beziehung zu Marl

Hülsstraße 7

Zeit, Ziel, Grund für Weggang (aus Marl)

1935 (Zwangs-)Verkauf des Hülser Geschäfts an »Zumwinkel« (23)

Quelle II, III, IX und X

Vielleicht ein Onkel von Bernard Simmenauer (Herten), er führte in Hüls das Geschäft, ursprünglich aus Herten, von Marl nach Saarlouis(?) und Köln

Quelle V, X, XV, Gedenktafel in Recklinghausen

Verfolgungsschicksal: Deportiert / umgekommen

Von Köln-Müngersdorf (Sammellager) nach Minsk ins Ghetto am 20.6.1942, dort gestorben. Quelle V, Gedenktafel in Recklinghausen

■ Ehefrau (?): Selma  (24)

Keine näheren Angaben, Gedenktafel in Recklinghausen. (Zur Klärung siehe weiter unten. Selma war die Frau eines Cousins von Alfred S.).

(eine Selma Simmenauer, geb. Ottenstein,*30.11.1879 aus Berlin wurde am 28.3.1942 nach Piaski ins Ghetto, von dort nach Trawniki deportiert, einem Durchgangslager in der Nähe von Belzec. Das war ein Vernichtungslager.)

Quelle II, III, IV

Simmenauer, Ida, geb. Wolff – * 18.4.1885 in Saarlouis

Keine näheren Angaben, Bezug zu Marl nicht bekannt

Verfolgungsschicksal: Deportiert/umgekommen

Wohnte in Köln, deportiert von Köln aus nach Minsk ins Ghetto am 20.7.1942, dort gestorben (?). Verbindung zu Marl völlig unklar, aber Verbindung zu Alfred Simmenauer, (Saarlouis, Köln, Minsk, 20.7.1942)

Quelle V

23) Unter welchen Umständen der Verkauf vor sich ging, ist bisher noch nicht zu klären, vgl. auch Anmerkung 24, S. 139; 1987 »Hettlage & Fischer«.

24) Die Beziehung zu Marl stützt sich auf den Verkauf an »Zumwinkel« und eine Auskunft von Frau Radeck. Dieses Verwandtschaftsverhältnis ist offen; Selma S. aus Berlin wird wegen des gleichen Vornamens erwähnt; die Identität ist also unsicher.

 

Das Geschäft von Arnold Simmenauer in Herten, Ewaldstraße 48/50.

aus: Holland, Hans-Heinrich, Materialien zur Geschichte der jüdischen Einwohner Hertens, Herten 1998

   Der Briefumschlag stammt von der Web-Seite www.philatelie-partnerschaft/judaica.de, gefunden 2016


 Simmenauer Ergänzung 1, 2016

Aaron Knappstein, NS-Dok. Köln, schreibt mir:

"Bei uns ist Ida Simmenauer, geborene Wolff als Ehefrau von Alfred Simmenauer aufgeführt. Sie wurden auch nachweislich als Ehepaar aus Köln deportiert. Da mir keine Kopie einer Heiratsurkunde vorliegt, kann ich jedoch nicht sagen, wann und wo sie geheiratet haben. Ich weiß nicht, ob Sie Interesse an diesen Informationen haben, aber die Eltern von Alfred waren Moritz und Mathilde Simmenauer, geborene Staub. Die Eltern von Ida Wolff waren Joseph und Sara Wolff, geborene Rothschild."

 

(Hier ist noch eine weitere Recherche notwendig, in Herten gab es anscheinend keinen Moritz Simmenauer, aber in Gelsenkirchen. Dieser war ein Bruder eines Albert Simmenauer. Die Tochter Meta dieses Moritz S. aus Myslowitz/Schlesien ist 1918 von Berlin nach Gelsenkirchen gekommen).

(Diese Rechercheergebnisse werden dargestellt durch einen Auszug aus:H ubert Schneider, Die Entjudung des Wohnraums, Judenhäuser in Bochum, LIT-Verlag Berlin / Münster 2010)

(Aaron Knappstein, Stadt Köln - Die Oberbürgermeisterin, NS-Dokumentationszentrum Appellhofplatz 23-25, 50667 Köln, Email: Aaron.Knappstein@stadt-koeln.de, Internet: www.nsdok.de)

 Ergänzung 2, 2018: Letzte Spuren und Klärung:

Das Folgende beruht auf einer Genealogie der Familie Simmenauer ab ca.1780, die eine Übersicht der einzelnen Zweige/Verzweigungen auflistet. Ursprünglich soll die Familie aus Simmenau, Kreis Oppeln gekommen sein Die Familienliste  beginnt hier mit einem Aaron Simenauer(!) und erwähnt, dass auch die Schreibweise „Simmenauer“ vorkommt.

 

1: Ein Sohn dieses Aaron hieß auch Aaron und ist geboren 1803, gestorben1887 und begraben in Myslowitz. Er hatte 10 Kinder, davon erscheint in der Liste ein:

 

Moritz Simmenauer als Nummer VIII:

Geboren am 1.4.1838 in Myslowitz, gest. 20.11. 1911 und begraben in Myslowitz. Seine erste Frau hieß Mathilde Staub, 11.1.1837 – 4.11. 1888. (Siehe oben die Nachricht von Aaron Knappstein).

Mit dieser hatte er 9 Kinder, Geburten in den Jahren 1866,1872 (siehe unten), 73,74,77, 78, 79, 83 und 86 (s.u.), davon 4 Jungen und 5 Mädchen.

 

2: (Punkt C in der Liste):

Der 11.2.1872 war das Geburtsdatum von Arnold Simmenauer , der das erwähnte Geschäft in Herten hatte, er starb 1926.

 

 Punkt H: Hier findet man Alfred Simmenauer, (geboren 2.04.1882), dieser war also ein Bruder von Arnold, leider nur mit dem letzten Aufenthalt und einem falschen Geburtsdatum: April 1886, keine Kinder (richtig wäre 1882).

 

Aus der zweiten Ehe mit Paula Loewy stammen die Verwandten in (Bochum) Langendreer (und GE-Horst), Heimann.

(Auch bei diesen gibt es eine Unklarheit, denn obwohl die erste Frau doch im November 1888 starb, wurde Regina Heimann 1888 geboren, also von der zweiten Frau?)

 

3: Mit dieser Liste kann endlich das Rätsel Selma Simmenauer gelöst werden:

Ein älterer Bruder des oben erwähnten Moritz Simmenauer hieß Wilhelm.

Dieser wurde 1835 am 11.4. geboren und war Bäcker und Kaufmann. Er war mit Johanna Cohn verheiratet, 9.3.1840 – 6.11.1912. Beide sind in Kattowitz begraben.

 

Eines ihrer 11 Kinder hieß Heinrich Heimann Simenauer, geboren am 18.10. 1869. Er lebte und starb in Berlin und heiratete Selma Ottenstein, geboren am 30.11. 1879.

(Auch diese lebte nur in Berlin und wurde von dort nach Piaski deportiert und ermordet.)

Sie war die bei Schneider (Jüdische Heimat im Vest) erwähnte und auf dem Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof in Recklinghausen als Frau von Alfred erscheinende Selma.

 

Wie weiter oben bereits richtig gestellt, hat Alfred Simmenauer wahrscheinlich erst in Saarlouis Ida Wolff geheiratet, in Marl oder Recklinghausen ist diese bisher nicht nachweisbar.

 

(Quelle: Erich Simenauer (sic!) und Judy Inger (Jutta Simenauer), 1999

IT Adresse: simenauerfamilyc1384unse )


Hüls, ab 1926 zu Marl gekommen, vorher Recklinghausen - Land.


Familie Friedlich auf der Hülsstraße:

 Der Verkaufsraum und die damalige Belegschaft in den 20er Jahren. Links vorn: Julius und Sohn Kurt Friedlich, zweite vorn rechts Ehefrau Alma

Belegschaft des Konfektionsgeschäftes "Julius Friedlich" 1928, rechts der Junge ist Kurt Friedlich, (*1921). Durch "Arisierung" 1935 "Schräder" (Karl).

                                    

Familie Friedlich in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts:

 

Kurt und Vater Julius,

dahinter von rechts nach links

die Ehefrau Alma, die Töchter Liselotte, genannt Lisette und

Hilde, später Hildegard Koopmann.


Ebenfalls auf der Hülsstraße, Nummer 12 und 12a: Familie Boldes,

"Möbel Boldes, Teilzahlungen gestattet". Im Fenster der ganz junge Berthold Boldes, genannt Bubi.