Horst Delkus

 

Tanztees, Maries und Sir Erwin  in Marl

- Der Einzug der Beatmusik in die westfälische Provinz –

 

„Schreib mal was über die `Maries`!“ Die Aufforderung hört sich vertraut an, klingt wie: „Spiel mal was von den Beatles!“ Da sind andere, gebe ich zu bedenken, die mehr mitgekriegt haben. War doch nur Zaungast. Ein Fluch der späten Geburt. Egal, sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung: Hau rein. Im Oktober ist Redaktionsschluss.

Das sitzt. Bei mir immer. Also krame ich in alten Schülerzeitungen und in meinem Gedächtnis. Dazwischen zwei, drei Telefonate. Leider ohne Ergebnis. Spurensicherung. Erinnerungsfetzen.

Krach zu Hause, fällt mir als erstes ein, gab es Ende der sechziger Jahre reichlich. Wegen der lauten Musik - „Negermusik!“ -, meist die Beatmusik der Top 20 auf BFBS, dem britischen Soldatensender. Wegen der lange Haare, der sogenannten „Mähne“. Samstags, weil mein Alter die Sportschau mit Ernst Huberty – oder war`s der Sammy Drechsel? – gucken wollte, und ich den Beat-Club mit Uschi Nerke. Krach auch wegen Demos und dem „clef“, dem APO-Club in Marl im nördlichen  Ruhrgebiet. Oder wegen Ausgangszeiten. Mal zu Tanzveranstaltungen in der Schule, die seltsamerweise „Tanztees“ hießen, obwohl dort kein Tee sondern ein braunes, coffeinhaltiges Gesöff getrunken wurde. Mal zum Konzert, mal wegen eines Diskobesuches um die Ecke, in der „Bodega“.

 

Erinnern kann ich mich noch an die erste eigenen Schallplatte. „We can work it out“ von den Beatles. Und an die erste LP, die Ich-weiß-nicht mehr-wer geschenkt hatte. Ebenfalls von den Beatles: „A hard days night“.

Spielen wie die Beatles

Spielen wie die Beatles wollten damals viele. Ich auch. Wie fast alle die ein paar Griffe auf der Gitarre konnten. Die Fingerakrobatik auf dem Gitarrenhals, immer dicht am Bund, fing meist an mit „La poupèe qui fait non“ von Michel Polnareff. „Meine Puppe, sagt immer nein“. Das Lied war einfach. Drei Akkorde nur, E, A und D. Komplizierter schon “House of the rising sun“ von Eric Burdon und den Animals. Wer diese Hürden erst einmal überwunden hatte und dann Barrè greifen konnte, wagte sich an die Beatles. Notenkenntnisse waren nützlich, aber nicht notwendig. Hauptsache: Nachspielen. Dafür reichte ein normal entwickeltes Gehör. Und das richtige Feeling. Ansonsten: üben, üben, üben. Learning by doing.

 

Gespielt wurde auf allem, was einem so zwischen die Finger kam. Ummi zum Beispiel, ein Arztsohn, und damit finanziell wahrlich etwas besser abgepolstert als ich, lernte das Schlagzeug spielen auf dem Kochgeschirr aus Mutters Küche. Ich klimperte auf einer alten Wandergitarre. Geliehen natürlich. Als Verstärker musste ein altes Radio herhalten. So eines mit einem grünen Auge. Beneidet hatte ich immer die, die auf einer richtigen E-Gitarre gespielt haben. Und richtig gut. Wie die Beatles eben. Das konnten in Marl vor allem „The Maries“, 1965 gegründet von Reinhold Brenner (Heizungsmonteur und Schlagzeuger), Ludger Rose (Fotograf und Bassgitarrist), sowie Jürgen Grunewald (Elektriker, Gitarren- und Orgelspieler) und Gerd Leschny (kaufmännischer Angestellter und ebenfalls an der Gitarre). Vor allem durch ihre Beatles-Imitationen wurden die „Maries“ bald zur Kultband der Region, zur „besten Band im Vest Recklinghausen“, wie die Presse schrieb. 

 

„Wie eine Horde Heuschrecken auf der Wiese“

1965 sah das ein Unterprimaner des Marler Jungen-Gymnasiums, benannt nach dem Urwalddoktor und Humanisten Albert Schweitzer, noch anders: “Der Saal war wohl gefüllt“ , schrieb er in einem Konzertbericht in der Schülerzeitung. „Ein jeder zwängte sich so gut er konnte. So begann das Fest im Jugendheim am Hagenbusch zu Marl. Der eine behielt seine Füße ruhig, der andere schwitzte durch Schütteln im heißen Takt der Band, die laut und eindringlich spielte. Wie eine Horde Heuschrecken auf der Wiese. Reden war unangebracht, die Band übernahm alles! Ein zuckendes Etwas steckte in allen Beinen, Armen und Rümpfen!“ – Eindrücke von einem der ersten öffentlichen Auftritte der „Maries“. Das „rasende Geschrei und die „Lärmorgelei“ störte den Konzertkritiker mächtig. „Ein Tanztee lebt doch nicht vom Beat allein!“ nörgelte er in der Schülerzeitung mit dem klangvollen Namen „nobis“ – von uns, für uns, wie der Lateiner weiß. Die Kritik hatte Erfolg: Auf allen Veranstaltungen des Marler Gymnasiums spielten bis auf weiteres zwei Bands. Die eine Beat, die andere Jazz. „Was bei der Schülerschaft auf eine erhebliche Resonanz stieß“, so die Schülerzeitung später.

 

Dixiland und Swing mochte man uns Jüngeren auf unserem Unterstufenfest 1966 schon nicht mehr zumuten: „In der Pause strömte alles zum Cola-Ausschank und dann zur Bühne, wo die `Black Beats` ihren Gitarren heiße Rhythmen entlockten“, wie der Chronist vermerkt. Der Beat-Bazillus hatte uns infiziert. Und sein Siegeszug auch in der Provinz war nicht mehr aufzuhalten. Er drang bis vor das Rathaus.

Beat am Rathaus

An einem Samstag, es war der 28. Juni 1969, wurde zum ersten Mal in der Geschichte Marls „der geheiligte Raum des Rathausvorplatzes“ für ein „Freiluft-Beatkonzert“ freigegeben. Zugunsten des Friedensdorfes der Aktion Sühnezeichen in Oberhausen verzichteten alle Gruppen auf ein Gage. Die Organisation des Benefiz-Konzertes hatten der „Amtsjugendring“ und einige Jugendgruppen übernommen. Sir Erwin, der populärste Disc-Jockey aus Marl, mimte den Conferencier. Und vor rund 800 jugendlichen Zuhörern spielte alles was damals in Marl Rang und Namen hatte: die Syndicates of Sounds, das Trio Dying Race, Tifanny Shade mit Gisela Berg, Half as Nice, die Maries und als Gag die Ventilgummis. Richtige Stimmung, so der Chronist der Schülerzeitung, kam erst auf als die miniberocktes Monika Melezeus auf der Bühne zur Musik von „A Midnight hour“ tanzte. Als Frontgirl der Syndicate of Sounds. “Das bis dahin recht verhaltene Publikum geizte nun auch nicht mit Beifall”, berichtete die Schülerzeitung.

Die Maries wurden 1969 weit über Marl hinaus bekannt. Mit „Revolution“, „Magical Mystery Tour“ und "Back in the USSR“, alles Hits von den Beatles, kamen sie sogar auf Platz 1 der „beat show `69“, veranstaltet vom Zeitungshaus Bauer und dem Jugendamt der Stadt Recklinghausen. Weiter Höhepunkte: eine eigene Platte, „Mother in law“ -  Schwiegermutter -  und eine Reihe von Auftritten mit bekannten Bands. Den Rattles zum Beispiel. Ostermontag 1970, ebenfalls in Recklinghausen.

Recklinghausen – das Liverpool des Ruhrgebiets

Recklinghausen, immerhin die Kreisstadt, war für uns Marler in der Provinz schon ein Metropole. Erst recht in den sechziger Jahren. Da wurde Recklinghausen zum Liverpool des Ruhrgebiets. Rund siebzig Beatgruppen hatte das Recklinghäuser Jugendamt in seiner Kartei, viele aus der näheren Umgebung. Und die meisten haben einmal in der Recklinghäuser Vestlandhalle gespielt.

Ein Konzert in Recklinghausen zu besuchen war allerdings für einen Schüler nicht ganz einfach. Wer hatte in den sechziger Jahren schon ein Auto? Mit der Straßenbahn dauerte die Fahrt sehr lang. Vor allem abends zurück nach Hause. Geld war eh knapp; Schwarzfahren kam erst später in Mode. Und der Eintritt in`s Konzert musste auch noch bezahlt werden. 10 Mark, D-Mark, zum Beispiel für die Equals am 2. Oktober 1967 in der Vestlandhalle.

Die Metamorphose der Tanztees

Da waren die Musikveranstaltungen an der eigenen Schule, die Tanztees, wesentlich billiger: eine Mark, später zwei Mark Eintritt. Drei-, vier mal im Jahr fanden sie statt. Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre ging es hier noch zu wie in der Tanzschule: Die Jungs mit Schlips und Kragen, die Mädels adrett gekleidet. Und die Musik ? Skiffle oder Jazz, meist Dixie. Rock`n Roll war eher was für die arbeitende Jugend, nicht für Pennäler.

 

Das änderte sich erst Ende der sechziger Jahre. Mit der Revolte von 1968. Und mit dem Beat. 1969/ 70 zählten die Tanztees im örtlichen Gymnasium zu den beliebtesten Veranstaltungen für Jugendveranstaltungen. Über 500 Jugendliche zwängten sich jedesmal in die Aula. Wer zu spät kam, musste draußen bleiben. Drinnen war es entsprechend laut. Und vor allem dunkel! Live-Musik war meist zu teuer und die Gruppen oft unzuverlässig, sagten einen Auftritt zu und kamen dann doch nicht. Für den richtigen Sound sorgte deshalb Erwin. Sir Erwin, der DJ aus der angesagten Diskothek Bodega. Erwin war beliebt und legte immer zur echten Zeit was zum Schmusen auf: `A whiter shade of pale`, `Nights in white satin` oder `Albatros`. Klammerblues eben. Wie viele Pennälerlieben er damit gefördert hat, weiß ich nicht. Es waren etliche.

Tanztees hießen diese Veranstaltungen aus unerfindlichen Gründen immer noch. Vielleicht zur Tarnung. Irgendwann jedenfalls schaffte man sie ab. Wegen „Zügellosigkeit“ und „Organisationsmängel“. Was nicht ganz so dramatisch war. Denn mittlerweile hatte auch in Marl der Kommerz die Beatmusik entdeckt. Aus dem Metropol-Kino an der Bergstraße zum Beispiel wurde so das Go Go-Metropol, ein Jugendtreff und eine Spielstätte für zahlreiche Gruppen. Nicht nur für solche, die den Beat spielten.

Denn der klassische Beat vermischte sich zunehmend mit anderen Musikrichtungen. Und die Musiker, die den Ton angaben, setzten immer mehr Elektronik und Technik ein. Allen voran: die Beatles mit ihrem Sgt. Pepper Album. Von den zahlreichen Beatgruppen der sechziger Jahre schafften nur wenige den Sprung in die industrielle Popmusik. Und mit Jimi Hendrix, John Mayall und Fleetwood Mac, den Mothers of Invention, Iron Butterfly, Deep Purple und anderen veränderte sich der Musikgeschmack. Meiner auch.

 

Und der Beat? Ich selbst habe ihn all die Jahre immer wieder gerne gehört, auch wenn er nicht mehr so angesagt war. In den Siebzigern, den Achtzigern und den Neunzigern. Vor allem auf Feten, zum Tanzen. Ansonsten immer wieder, jeweils im November, ein Besuch bei den `Wilden Sechzigern` im Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen. Und ab und zu der Griff zur Gitarre im Keller. Gelegentlich sogar eine Aufforderung: „Spiel mal was von Beatles!“. Das sitzt. Fast immer. Wie: „Hau rein! Is` gleich Redaktionsschluss“.

 

Über den Text:

Ursprünglich geschrieben für das Buch „Beatgeschichte(n) im Revier“ von Horst-Dieter Mannel und Rainer Obeling, erschienen 1993, verbunden mit einer Ausstellung im Vestischen Museum Recklinghausen und einem Beat-Festival in der Vestlandhalle im Rahmen der Ruhrfestspiele unter dem Motto „25 Jahre 68er“. Der Text ist dort leider nicht mehr erschienen, war aber Teil der Ausstellung. Zuerst veröffentlich dann im Jahrbuch Westfalen 2008, herausgegeben vom Westfälischen Heimatbund, Münster 2007.

Über den Autor:

Horst Delkus erblickte das Licht der Welt in Marl noch am letzten Tag des Jahres 1952. Er besuchte die Volksschule in Marl-Hamm und das Albert-Schweitzer-Gymnasium. Dort machte er 1971 sein Abitur. In Marl engagierte sich Horst Delkus bei der Evangelischen Jugend und im „clef“, dem club libertè, egalitè, fraternitè, dem örtlichen Ableger der Außerparlamentarischen Opposition (APO). Beides im ehemaligen Jugendheim „delta“ in Marl-Drewer. Gerne zurück erinnert er sich an die Marler Volkshochschule „insel“ unter Ernst Paul Rabe, wo Horst Delkus sich unter anderem für Vorträge von Leo Kofler begeisterte.

Um Erziehungswissenschaften, Soziologie und Geschichte zu studieren, zog Horst Delkus nach Dortmund. Dort, am Rande der Westfalenmetropole, lebt er seit vielen Jahren. Neben dem Strukturwandel des Ruhrgebiets beschäftigt er immer wieder mit der regionalen Geschichte. Hierzu hat der ehemalige Sozialmanager, Journalist, Wirtschaftsförderer und Steinbildhauer zahlreiche Beiträge für den Hörfunk, für Bücher, Zeitungen und Magazine verfasst. Kontakt: steinart@web.de

 


Aus dem oben erwähnten Buch "Beatgeschichten":

RE Vestlandhalle "Beatfestivals" mit Jury - und Publikumsabstimmungen

(und viel cola)

Auf dem Weg nach RE

Unten: Ein Ausschnitt, betreffend die Stimmung und Einstellung großer Teile der älteren Bevölkerung.

"Feierabendhaus" liegt am Lipper Weg kurz vor dem  "Südtor" der damaligen CWH. Es gab und gibt auch heute noch keine Anwohner in der Nähe, die sich über die Lautstärke hätten beschweren können wegen Ruhestörung:

Am Beispiel eines Gymnasiallehrers (damals ASG, nach meinem Wissen "Englisch", KM):

 

"Überhaupt...


Ein weiteres Beispiel aus Marl: 

Texte aus einer damaligen Veröffentlichung: Herausgeber und Inhalt ein Haus der offenen Tür, Rappaportstraße.